"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Karfreitagsgottesdienst mit Aufrichtung eines verhüllten Kreuzes

 

Freitag, 2. 4. 21, 15 h, Lützerath

 

Etwa 40 Menschen kamen am Karfreitag nach Lützerath, um dort, unmittelbar an den von RWE verwüsteten Abrissflächen, Gottesdienst zu feiern. Dabei wurde auf dieser Fläche ein Kreuz aufgerichtet - verhüllt mit dem diesjährigen Hungertuch von Misereor. Es zeigt - künstlerisch bearbeitet - das Röntgenbild eines durch Poizeigewalt gebrochenen Fußes eines Aktivisten für soziale Gerechtigkeit aus Chile, und paßt damit sehr genau an diesen Ort!

Unten findet ihr Fotoimpressionen (C UPA), das beeinduckende Schlußgebet und die Einladung.

 

Schlussgebet: Die Welt könnte anders sein!

Unsere lebendige Welt, unsere Dörfer und Städte mit ihren Kirchen,
Äcker und Wälder, Flüsse und Seen mit all ihren uns bekannten und ­unbekannten Geschöpfen –
Anders könnte sie sein.
Reich in ihrer Vielfalt – schön – bunt!
Guter Gott
Wir vermissen dich hier in Lützerath,
wir vermissen dich an der Abbruchkannte!
Erst haben sie die Straße genommen,
dann die ersten Bäume,
das Haus da - es stand noch!
Auf einem Baustumpf ein Grablicht.
Baum für Baum haben wir,
hat mensch verteidigt.
Hoch oben – zwischen Himmel und Erde – saßen sie.
Sein – Sitzen – bis man sie runter holte.
Dann kamen die Bagger
und hüllten das ganze Dörfchen in Staub
– der Krach: höllisch!
Mensch gegen Bagger!
Mensch auf dem Bagger!
Sein. Sitzen. Jubel! Ein kleiner Sieg!
Das Dörfchen verteidigt.
Verteidigt durch pure Präsenz.

Junge Menschen, die Hoffnung in sich tragen
und den Willen, sich dieser Macht, dieser Zerstörungswucht, entgegenzustemmen!
Mit der Kraft ihrer Körper!
Stark sind sie! Mutig und schön!
Noch scheint jene Macht stark,
jene Macht, die zerstört,
die Menschen wegträgt, aus dem Weg räumt,
und nichts anderes im Sinn hat, als aus der Vernichtung
unserer Mitgeschöpfe Gewinne zu generieren,
eine Macht, die es schafft, sich auch für das Stoppen ihrer Zerstörung ­bezahlen zu lassen!

Dieser Macht trotzen wir!
Hier in Lüzerath, am Donnenräder Wald
und in Bengaluru in Südindien, wo die zwanzigjährige FFF-Klimaaktivistin Disha Ravi für den Erhalt der Lebensgrundlagen von Kleinbäuer*innen kämpft.
Dieser Macht, die Gewinne vor Menschenleben stellt, trotzen heute Menschen rund um den Erdball!

Der sich damals dieser Macht entgegenwarf,
mit seinem Körper.

Jung war er, stark und schön.
Der damals sagte, dass Vertrauen stärker sei
als die Sicherung des eigenen Daseins durch Geld,  Aktien, Waffen und Grenzzäune, Mauern und Stacheldraht – ihn vermissen wir.
Diesen Menschen, der gesagt hat –
„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Geld!“,
den vermissen wir heute.

 

Und doch:
Im verhüllten Kreuz, in unseren verletzen Körpern,
in unseren durch die Erfahrungen der letzten Monate verletzen Seelen,
in dem Vermissen all jener Menschen, die Opfer der Zerstörung wurden,
die vertrieben, verletzt, getötet wurden,
ist die Hoffnung und der Wille lebendig,
Stand zu halten, der Zerstörung Einhalt zu gebieten.

Wir stehen hier, wir sitzen hier, harren aus!
Bleiben Zeugen eurer Zerstörung!
Rufen euch raus aus euren Baggern!
Aus euren Büros!
Aus den Zentralen der Macht!
Ihr könnt aufhören! Mensch kann auf hören! Kann HÖREN.
Mensch kann anfangen! Heute!

Dem Leben vertrauen!
Sich mit dem Lebendigen, den Bäumen, Blumen, Tieren und Pflanzen verbünden!
Sich zusammentun. Gemeinsam handeln!
Wir sehen es doch:
Noch immer ist unsere Welt vielfältig, schön und bunt!
So auch die Klimagerechtigkeitsbewegung: 
Bunt ist sie, stark und schön und jung.
Sicherung unsere Daseins durch Geld und Aktien? Waffen und Grenzzäune, Mauern und Stacheldraht?


– Weg damit!

 

Leben geht anders!


 

Einladung

Wir erleben die Leitentscheidung der Landesregierung und das Handeln von RWE fernab von angeblicher Gemeinwohlorientierung als einen Akt unpersönlicher, institutionalisierter Habgier. In Lützerath, dem geschändeten, bereits halb zerstörten Dorf, spüren wir schmerzhaft die Abwesenheit Gottes in der Welt. Und gleichzeitig spüren wir, wie dringlich wir nach ihm verlangen.

Diese Ambivalenz wollen wir ausdrücken durch die Aufrichtung eines Kreuzes, verhüllt mit dem Misereor-Hungertuch, das einen von Polizeigewalt gebrochenen Fuß zeigt.