Gottesdienst in Lützerath aus Anlass der beginnenden Abrisse, Montag, 18.1.21, 13 Uhr

"Du hast mich aus dem Frieden hinausgestoßen; ich habe vergessen, was Glück ist."

Predigt

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da sein wird

Vor knapp zwei Wochen waren wir hier und haben die Häuser gesegnet. Vor 10 Tagen waren wir in Immerath im Gedenken an den Dom, der vor drei Jahren von RWE abgerissen wurde. Jetzt soll hier in Lützerath das Werk der Zerstörung nach Willen von RWE fortgesetzt werden. Häuser, in denen jahrzehntelang Menschen miteinander lebten, liebten, arbeiteten und lachten sollen zu Trümmerhaufen werden. RWE will sukzessive die Häuser, dieses Dorf, in dem noch Menschen leben, abreißen und in eine Ödnis verwandeln – so wie Immerath. Und dann soll alles, was lebenswert war, in diesem gigantischen Loch verschwinden, d.h. endgültig ausgelöscht werden. Der Profit weniger steht über dem Leben, und über dem Leid vieler Menschen. Nicht nur hier, sondern weltweit – global in Gewalt und Vertreibung, global in der Klimakrise.

In diesem Loch sind bereits viele Dörfer, viele Lebenspläne verschwunden. Es gab immer vor Ort Widerstand, doch er war klein, wurde kaum wahrgenommen. Viele fanden sich ab mit der Begründung, es sei notwendig für das „Allgemeinwohl“. Es gab dem eigenen Leid einen höheren Sinn, so konnten sich die Menschen abfinden mit dem Verlust ihrer Heimat, ihres zu Hause.

Doch seit Jahren wissen wir, dass dieser Braunkohleabbau, die Erzeugung von Strom/Energie aus fossilen Stoffen wie Kohle und auch Gas nicht dem „Allgemeinwohl“ dienen. Im Gegenteil, es zerstört unser Klima, führt uns in eine globale Klimakatastrophe, deren Ausmaß wir heute nur erahnen können. Die Folgen dieses Handelns werden verheerend sein und unendliches Leid über viel Menschen, über die gesamte Schöpfung bringen. Die Auswirkungen spüren bereits vor allem die Menschen im globalen Süden, doch auch hier sind sie deutlich. Und immer mehr Menschen stehen auf, um sich einem „weiter so“ entgegen zu stellen. Indem wir hier um jeden Baum, um jedes Haus in Lützerath und den anderen bedrohten Dörfern kämpfen, stehen wir an einer Seite mit all diesen Menschen, mit all den Aktivist*innen der Klimagerechtigkeitsbewegung. Und obgleich wir viele sind, obgleich alle wissen, was auf dem Spiel steht – es so deutlich ist – können RWE und die anderen Konzerne mit ihrer Zerstörung weitermachen.

Auf ihrer Seite steht die Macht, die Herrschaft, das Geld – und das Gewaltmonopol. Es drückt sich nicht nur in Polizei und Security aus. Es ist die Herrschaft über Sprache und Inhalte, die Herrschaft über den Diskurs, es ist das Deutungsmonopol, die Medienherrschaft. Um das System des Kapitalismus, des Neoliberalismus aufrecht zu erhalten, wird so auf allen Ebenen, in all Lebensbereiche hinein manipuliert, werden Fakten verdreht, verheimlicht – oder auch dreist gelogen. Und da wir – vor allem hier im globalen Norden – in dieses System mehr oder weniger verstrickt sind, fällt es oft so schwer, sich das – diese Macht – immer wieder bewusst zu machen, um den inneren Kompass zu behalten, der uns sagt, was richtig ist, was getan werden muss. Und dann, angesichts der scheinbaren Übermacht, die uns entgegensteht, nicht zu resignieren.

Die Bibel, die Texte der christlichen Tradition, sind zu einem großen Teil Erfahrungsberichte und in vielem spiegeln sie – wenn auch in einer anderen Sprache – unsere Erfahrungen, unsere Gefühle wider: Trauer, Schmerz, Leid, aber auch Freude und Hoffnung. In den Worten des Propheten Jeremia, die wir hörten: „Die Huld Gottes ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; groß ist deine Treue.“

Für uns Christ*innen ist mit Jesus diese Hoffnung in die Welt gekommen, wurde ein Licht in der Dunkelheit entzündet. In einer Zeit, in der Macht und Herrschaft viel direkter war als heute, waren seine Worte und Taten eindeutig. Er stand auf Seiten der Armen, der Schwachen, der Ausgestoßenen, ohne Ansehen der Person. Die Verheißung des Heils, einer Welt nach Gottes Ordnung heißt eine gerechte Welt für alle, in der das Leben an erster Stelle steht: „Niemand kann zwei Herren dienen, denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Mt 6,24)“

Und Glauben und Hoffnung bedeuten dann, an der Möglichkeit einer solchen Welt festzuhalten, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint. Mit den Worten von Sölle:

Das ist eine lebensgefährliche Verwechslung,

wenn wir das Leben zurückrechtstutzen

auf das Machbare und das,

was sich konsumieren lässt.

Meine Tradition hat uns wirklich mehr versprochen!

Ein Leben vor dem Tod, gerechtes Handeln

und die Verbundenheit mit allem, was lebt,

die Wölfe neben den Lämmern und Gott nicht oben

und nicht später, sondern jetzt und hier.

Bei uns, in uns.

Unsere Sehnsucht und die vieler anderer Menschen hat hier in Lützerath ihren konkreten Ort gefunden: im Widerstand haben wir auch Gemeinschaft untereinander erfahren, uns bestärkt und ermutigt. Diese Sehnsucht können die Bagger, kann RWE nicht zerstören. Sie wird denen zum Trotz, die alles daran setzen, Lützerath – und die anderen Dörfer – zu zerstören, weiter wachsen und größer werden. Sie wird uns begleiten auf unsrem Weg in eine neue Welt, die uns verheißen ist mit den Worten des Propheten Jesaja: Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Man wir nichts Böses und nichts Schlechtes tun auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht Gott. (Jes 65,17.25)

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn